Weikert: «Alles wird zuerst ausgiebig getestet»

Im Gegensatz zu anderen Sportarten gab es beim Tischtennis immer wieder einschneidende Veränderungen. Was kommt da noch? Thomas Weikert ist als Präsident des Tischtennis-Weltverbands ITTF der ranghöchste Tischtennisspieler der Welt. Wenn einer weiss, wie und wohin sich der Tischtennissport entwickelt, dann er. Nur zum Thema gelbe Bälle weiss auch er nicht mehr als wir.
Thomas Weikert, Präsident ITTF
Thomas Weikert, Präsident ITTF

MG: Thomas, du bist ja eigentlich als Erneuerer zum ITTF-Präsidenten gewählt worden anstelle eines Kandidaten, der sich eher konservativ präsentierte. Mit welchen Veränderungen im Tischtennissport haben wir denn in der nächsten Zeit zu rechnen? Müssen sich die Clubs etwa Stoppuhren zulegen?

Thomas Weikert: Es ist interessant, die Leute sagen, es gab in letzter Zeit so viele Neuerungen. Aber die signifikanten Änderungen, der 40-mm-Ball und die 11er-Zählerweise, datieren ja zurück auf 2000, 2001. Danach gab es nichts Gravierendes mehr, vielleicht mal mit dem Aufschlag irgendwas, die Timeout- , die Coaching-Regel …

Aber im Moment gibt es keine konkreten Anträge. Wir werden an der Spitze immer mal wieder testen: Aufschlagänderung, viele Bälle, Zeitregel, um das Spiel einfacher zu machen für die Medien. Bei T2 in Malaysia wurde jetzt die Zeitregel getestet. Ich finde, das ist etwas, das man einfach mal testen muss. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man auf allen Ebenen in absehbarer Zeit auf Zeit spielt. Das wäre auch schwierig durchzusetzen.

Getestet wird zum Beispiel auch eine neue Regel, wonach bei 10:10 der nächste Ball den Satz beendet. Das ist eine Regel, von der ich mir vorstellen könnte, dass man das mal einführt – wäre auch nicht revolutionär. Aber alles andere müsste beantragt werden und würde vor der Einführung immer zuerst getestet werden mit Spitzenspielern oder auch an der Basis. Also ich glaube, revolutionäre Änderungen wird es nicht geben in nächster Zeit.

 

Das neue T2-Format mit Zeitregel

T2 ist ein völlig neues, auf TV ausgerichtetes Turnierformat. Ein Match dauert fix 24 Minuten. Sieger ist, wer in dieser Zeit am meisten Sätze gewinnt. Der Aufschlagende hat jeweils nur 15 Sekunden Zeit für seinen Service.

 Weitere Infos zu T2

MG: Viele dieser Massnahmen wurden ja getroffen, um das Spiel telegener zu machen. Aber ist das Fernsehen im Zeitalter von Youtube und co. immer noch das Mass der Dinge?

Thomas Weikert: Internet und besonders Youtube werden immer wichtiger, auch Facebook hier in Europa oder Weibo in China sind für unseren Sport sehr, sehr wichtig. Da sind wir auch ziemlich stark, und das wird von den Sponsoren auch gut angenommen.

Aber ich denke doch, im Moment ist das Fernsehen für die Verbreitung insgesamt noch immer das wichtigste Medium, abzulesen auch an den Erlösen, die im Spitzensport mit Übertragungsrechten erzielt werden. Wie hoch die Verbreitung ist, hat man kürzlich bei der WM in Düsseldorf gesehen und auch in China bei CCTV, dem Staatssender, da spielt Tischtennis eine grosse Rolle.

MG: All diese Massnahmen, die ja zu mehr TV-Präsenz hätten führen sollen: grössere Bälle, Spiel auf 11 oder in der Bundesliga der Wechsel von Vierer- auf Dreier-Mmannschaften …  Hat es denn funktioniert?

Thomas Weikert: Ja, da muss man auch selbstkritisch sagen, das hat sicherlich zum Teil Erfolg gebraucht und zum Teil aber auch nicht. Das entscheidende Kriterium beim Fernsehen bei Live-Übertragungen ist weiterhin: Wie lange dauert euer Spiel? Beim Fussball sind das 90 Minuten, aber bei uns dauert ein Spiel zwischen eineinhalb und dreieinhalb Stunden, das ist fürs Fernsehen unkalkulierbar. Darum spielen sie jetzt in China in ihrer Liga mit vielen Bällen, und da nimmt das Fernsehen schon zur Kenntnis, dass die Netto-Spielzeiten besser geworden sind. 

Spiel mit vielen Bällen

Statt Zeit mit Bälleauflesen zu vergeuden, wirft der Schiedsrichter dem Aufschläger nach jedem Punkt einen neuen Ball zu. Das Auflesen besorgen Balljungen. Im Video: Was halten die Spieler von dieser neuen «Hektik» am Tisch?

MG: Was ich nicht verstehe, warum bei Übertragungen die Kameras immer noch standardmässig von hinten oben und nicht schräg von der Seite filmen, was für den Sport laut Spezialisten klar die spannendere Perspektive wäre. 

Thomas Weikert: Ja das ist ein Thema, das nicht zum ersten Mal zur Sprache kommt. Ich selbst habe das auch schon mehrfach kritisiert. Ich bin auch der Meinung, wie du das sagst: von hinten oben sieht man die Platzierung besser, aber die Dynamik des Spiels wird von der Seite besser abgebildet. Aber da gehen die Meinungen auseinander. Es wird immer wieder diskutiert – Ergebnis offen.

MG: Jetzt ein grosses Thema: die Bälle. Die haben ja bis in die Niederungen des Clubtischtennis für viel Aufregung und auch Ärgernis gesorgt. Siehst du da eine Beruhigung der Situation? Was ist der Stand der Dinge?

Thomas Weikert: Ich selbst, habe beim alten Präsidenten darauf gepocht, dass wir die Plastikbälle etwas langsamer einführen. Ich bin da überstimmt worden. Ich glaube es ging einfach zu schnell. Die Firmen kamen mit der Menge nicht nach, die Qualität war am Anfang schlechter. Jetzt würde ich sagen, hat es sich in der Tat beruhigt.

Die Spitzenspieler beschweren sich nicht mehr über die Qualität an sich, dass die Bälle nicht rund oder hart genug wären. Sie beklagen sich, dass sie zu verschieden sind: der Nittaku-Ball zum Beispiel springt erheblich anders ab als der Joola-Ball. Das fällt in den unteren Klassen nicht so auf, weil die Geschwindigkeiten viel tiefer sind als bei einem Spiel zwischen Ma Long und Timo Boll. Dann ist es problematisch, wenn der eine Ball viel höher abspringt als der andere.

Wir haben viele Sitzungen mit Ballherstellern gehabt zur Qualität aber auch zum Preis. Inzwischen ist auch der Preis zum Teil tiefer als bei den Celluloid-Bällen. Das ist für Deutschland und die Schweiz vielleicht nicht so entscheidend, aber zum Beispiel in ärmeren Ländern wie Afrika ein grosser Faktor, dass sich hier das Spiel überhaupt entwickeln kann.

MG: Ich muss dir widersprechen: Unter dieser Unterschiedlichkeit der Bälle haben wir schon auch in unseren niederen Ligen viel gelitten. Ausgerechnet die Bälle von DHS, dem wichtigsten Sponsor der grossen Turniere, schienen mir die schlechtesten. Jetzt habe ich aber die neue Generation von DHS getestet; die sind meiner Meinung nach sehr gut und auch sehr günstig.

Thomas Weikert: In der Tat, das bestätigen ziemlich alle Spieler. Das ist so.

MG:  Wird das der neue Quasi-Standard werden, wie früher der Nittaku?

Thomas Weikert: Ja, das denke ich auch. Ich war vor kurzem in China und hatte auch eine Besprechung mit der Firma DHS. Ich habe denen früher immer gesagt, ihr seid zu teuer und die Bälle sind schlecht – etwas verkürzt formuliert (lacht). Jetzt konnte ich ihnen sagen: die Qualität der neuen Bälle werden von Spielern gut aufgenommen.

Wie Tischtennisbälle bei DHS produziert werden

Erstaunlich, wie viel Handarbeit in so einem einfachen Tischtennisball steckt. Etwas irritierend sind zudem die Maschinen; High-Tech sieht irgendwie anders aus. Aber eines wird klar: Qualität ist eine Frage der Selektion.

MG:  Was ist mit den gelben Bällen. Kommen die?

Thomas Weikert: Ehrlich gesagt, das habe ich mich selber gefragt und habe mich nicht erkundigt. Da bin ich jetzt wirklich überfragt (lacht). Also mein Verein – ich spiele ja selber auch – hat immer mit gelben Bällen gespielt. Und jetzt müssen wir mit weissen.

MG:  Stimmt es, dass es auch bei den Schlägern zu neuen Regelungen kommt, dass der hohe Holzanteil nicht mehr vorgeschrieben wird. Ist da eine Revolution zu erwarten?

Thomas Weikert: Das ist nicht so zu erwarten. Da wurde ja bereits 2016 ein Antrag gestellt, der wurde abgelehnt. Auch 2017 ist er abgelehnt worden. Aber durchgekommen ist eine Resolution, die da heisst: Man solle dies testen.

Da müssen wir genau gucken, was da passieren könnte: Wird das Spiel dann schneller, oder langsamer? Und wie sind dann die Beläge, das kann ja dann auch wieder alles verändern. Aber da der Antrag ja abgelehnt wurde und erst jetzt getestet wird, bräuchte es mindestens einen Vorlauf von vier, fünf Jahren, bevor da irgendwas zur Abstimmung kommt. 

MG:  Zum Schluss noch eine Frage zur Schweiz. Im Tennis haben wir Federer und Wawrinka; im Tischtennis haben wir niemanden. Was machen wir falsch?

Thomas Weikert: Zumindest im Damenbereich ist ja da eine Verbesserung eingetreten. Mit Rachel Moret hat man da schon eine Spielerin, die zumindest hier in Europa mithalten kann. Aber ich selbst habe keinen Einblick in die Schweizer Verhältnisse. Ich glaube, ich bin da der Falsche, der dazu etwas Vernünftiges sagen kann.

MG:  Und dann noch eine letzte, eine prognostische Frage: Ich habe diesen 14-jährigen Japaner Tomokazu Harimoto gegen Timo Boll spielen (und siegen) gesehen. Was ist deine Prognose: wer wird Ma Long an der Spitze ablösen? Wird es eher Fang Zhendong sein oder bereits Harimoto? Oder jemand anders?

Thomas Weikert: Ich hoffe dass die japanischen Kollegen den guten Harimoto nicht verheizen. Der hat ja jetzt unheimlich viel gespielt. Der sollte sich auch mal eine Pause gönnen, dass er nicht mit 16, 17 Jahren ausgepowert ist.

Unter die besten 10 zu kommen, ist sehr gut möglich, aber die vier, fünf Besten anzugreifen, das ist sehr viel schwieriger. Ich glaube im Moment, dass Fang Zhendong und einige andere jungen Chinesen doch so eine Qualität haben, dass es schwierig wird, in den nächsten zwei, drei Jahren da vorzustossen. Wenn man ihn sorgfältig darauf vorbereitet, hat er sicher eine Chance. Aber es gab immer wieder Jahrhunderttalente, auch in anderen Sportarten, die es dann doch nie an die Spitze geschafft haben.

Tomokazu Harimoto vs Timo Boll

Japans Super-Talent, der 14-jährige Tomokazu Harimoto, lehrt bereits heute die Grossen des Tischtennis das Fürchten. Er ist Japans grosse Hoffnung für die Olympischen Spiele 2020 im eigenen Land.

MG:  Ich bedanke mich herzlich für das Interview. Und da ich gehört habe, dass du Schläger und Schuhe auf deinen Reisen immer dabei hast, kannst du dich gerne bei mir melden, wenn du in Zürich bist. Dann bringe ich dich gerne in einem der Stadtclubs unter.

Thomas Weikert: Ich bin leider sehr selten in Zürich, meistens nur im Flughafen oder so. Aber danke für das Angebot.

Thomas Weikert, Präsident ITTF und Tischttenisspieler

Thomas (1961) ist ehemaliger Bundesligaspieler und war bis 2015 Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes DTTB. 2014 übernahm er interimistisch das ITTF-Präsidium und wurde am 31. Mai 2017 offiziell zum ITTF-Präsidenten gewählt. Hauptberuflich ist Thomas Weikert Sportanwalt in Limburg.

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